Teil 1 - vom kleinen Unternehmen HannaBell
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Was bedeutet es ein kleines (Näh-) Unternehmen zu führen? Teil 1
Diese Frage habe ich mir tatsächlich nie so wirklich gestellt, denn wie einige wissen, bin ich mehr oder weniger zufällig zu „HannaBell“ gekommen.
In den letzte Wochen begegnete mir diese Frage aber immer öfter. Deshalb dachte ich mir, ich starte mal einen kleinen Einblick in meinen (Arbeits-)Alltag - damit es nicht zu viel wird (denn wenn man einmal ins Erzählen kommt….) teile ich die Beiträge auf.
Starten möchte ich aus aktuellen Anlass mal mit den Thema „Beschaffung“ oder auch der Abteilung: Einkauf
Ich bin ja gelernte Industriekauffrau und habe dann noch BWL studiert. Sowohl in der Lehre als auch im Studium wurde ein Unternehmen in verschiedene Bereiche eingeteilt und tatsächlich gab es in diesen Fällen auch immer Mitarbeiter in den einzelnen Abteilungen. Das ist natürlich bei meinem kleinen Unternehmen schon der gravierendste Unterschied: ich habe keine Mitarbeiter und mache alles alleine oder eben selbst(und ständig)
Als HannaBell noch im Nebenerwerb lief und ich nur ab und an eine Bestellung zu erledigen hatte, brauchte ich kein großes Lager. Meist waren es Turnbeutel und die Zutaten dazu waren schnell gefunden. Ich erinnere mich auch noch daran, dass ich ganz am Anfang für einzelne Turnbeutel noch in den kleinen Stoffladen von Stoffe Hemmers nach Holzminden gefahren bin. Das wäre aktuell undenkbar. Mittlerweile hat HannaBell eine Größe erreicht, dass ich nicht mehr nebenberuflich selbstständig bin, sondern so ganz - mit Haut und Haar!! Regelmäßige Verkäufe bedeuten auch ein gewisses Lager bzw einen stetigen Wareneingang. Ich muss also zusehen, dass ich alle benötigten Materialien in ausreichender Menge vorrätig habe. Zum Start meines kleinen Herzensshops habe ich hauptsächlich Turnbeutel verkauft. Diese gibt es immer noch, was mich unendlich stolz macht. Dazu sind aber noch Rucksäcke im Shop und die von euch so geliebten Lederpuschen. Seit letztem Jahr auch zunehmend die Walkkleidung in Form von Overalls und Jacken. Und natürlich nähe ich, wie alle, zu gerne diese winzig kleinen und unheimlich praktischen Pumphosen.
Ihr seht -> die Materialliste ist um einiges länger geworden, als noch vor ein paar Jahren. Und dabei denkt man ja immer an die Hauptzutaten wie den Stoff - aber es ist natürlich bei weitem mehr.
Wenn ich das an einem Rucksack erkläre: Das Schnittmuster des Rucksacks (und ggf die Lizenz)
Drei Stoffe (da die meisten Rucksäcke mit Farbkombinationen bestellt werden und der Rucksack auch eine Innentasche hat), Leiterschnallen, Steckschnalle, Magnetknopf, Gurtband, Kordel, Volumenvlies und mein Etikett für die Produktkennzeichnung, sowie die Zutaten für die Stickerei: die Datei selber (und ggf die Lizenz) dann die Stickgarnfarben und bei Applikationen auch die Stoffe wie den speziellen Plüsch, der gerade die Tierapplis so besonders macht.
Dann natürlich auch das Stickvlies und den Unterfaden für die Stickmaschine.
Wenn der Rucksack dann fertig ist und verpackt werden muss, brauche ich natürlich noch einen Versandkarton, Klebeband, Seidenpapier und Thermoetiketten.
Leider bekomme ich all diese Zutaten nicht an EINEM Ort, sondern alleine bei dieser Liste sind es alleine 13 (!!!) einzelne Lieferanten. Nun könnt ihr euch das aufrechnen, für alle weiteren angebotenen Produkte in meinem Shop. Damit ich nicht für jeden Rucksack einzeln bestellen muss, habe ich mittlerweile eine Art Lagerhaltungssystem erarbeitet. Corona bzw die Lieferengpässe in dieser Zeit haben natürlich auch einen gewissen Anteil daran, dass ich wichtige Dinge durchaus auch in einem gewissen Vorrat im Nähzimmer habe. Ein Beispiel sind meine Stickfarben! ich hasse es einfach, wenn ich da nicht direkt weiter machen kann. Wie wichtig und auch vorausschauend das war, hat sich im letzten Monat gezeigt: Mein Lieferant für das Stickgarn war den ganzen Januar nicht erreichbar und meine Vorräte waren über den Dezember hinweg mehr als erschöpft. Gott sei Dank konnte ich mir mit ein paar weiteren Farben selber helfen und heute endlich wieder bestellen. Wenn dann auch noch, wie ab November bis kurz vor Weihnachten, die Post als wichtigstes Transportmittel unzuverlässig wird, dann komme ich durchaus auch mal ins schwitzen. Denn die von mir gewählten Lieferanten haben eine gewisse Qualität und die möchte ich beibehalten und kann nicht einfach irgendwo anders bestellen. Der Walk ist da ein gutes Beispiel, denn mein Walklieferant konnte zwischenzeitlich ein paar Farben produktionsbedingt nicht liefern. Ich habe mich also nächtelang durch Anbieter gewühlt und telefoniert, um euch die gewohnten Farben zur gewohnten Qualität (Mulessingfrei als Stichwort) anbieten zu können. Hinzu kommt momentan ein regelrechtes Lieferanten sterben. So, so viele tolle Geschäfte schließen und entsprechend viele Hersteller gehen in die Knie, weil sie auf der Ware sitzen bleiben. Meine Softsweats sind ja alle vom Stoffonkel und im Herbst gab es ausgerechnet eure geliebte Farbe „China Blau“ nicht mehr. Auf Nachfrage hätte ich 40m abnehmen müssen, damit er in Produktion geht. Diese Anzahl passt leider nicht in mein kleines Nähzimmer, wäre finanziell eine echte Belastung und würde sehr wahrscheinlich auch ein paar Jahre halten. Also: die nächste Nachtschicht - bei wem kann ich noch ChinaBlau bekommen (selbstverständlich dann nicht mehr mit Gewerberabatt, also in finanzieller Hinsicht eher ein mieser Kompromiss). Und so zieht es sich durch, so dass ich die Motivstoffe mittlerweile selber drucken lasse. Auch hier musste ein Lieferant gefunden werden, Probedrucke haben stattgefunden. Es mussten Designer und passende Motive ausgewählt werden - letztlich müssen dann auch irgendwann Probestücke genäht werden -> aber das ist ja schon wieder eine andere Abteilung. Für den Einkauf steht jetzt nach drei Monaten Kennenlernphase fest, dass nochmal über den Tellerrand geschaut werden muss und weitere Produzenten angesprochen werden sollten.
Dies ist letztlich nur ein kleiner Teil des Themas und ich würde lügen, wenn ich nicht auch sagen würde, dass mir gerade der Einkauf des Materials auch unheimlich viel Freude bereitet. Hey, ich lasse mittlerweile meinen eigenen Stoff drucken! Wie krass cool ist das denn bitte? Das hätte ich noch vor 2 Jahren nicht gedacht. Aber bei all der Freude: an dieser Stelle der Geschichte habe ich noch kein einziges Teil für euch genäht, kein fertiges Produkt in der Hand, sondern hauptsächlich wahnsinnig viel Zeit in Beiwerk investiert, welche in einem größeren Unternehmen von einer anderen Abteilung übernommen worden wäre.
Witzigerweise gehen ich aber Abends auch mit einem guten Gefühl ins Bett, wenn ich wie heute, die fehlenden Garnfarben bestellen konnte ✅ eine Lieferung teilbarer Reißverschlüsse ankam (und ich diese bereits ins Regal hängen konnte) ✅, meine eigenen Stoffe ankamen und ich die einzelnen Motive den Bestellungen zuordnen konnte ✅ auch wenn mir dabei direkt auchgefallen ist, dass der Walk in Violett sehr knapp ist und in der kommenden Woche direkt eine Bestellung in Größe 80 zugeschnitten werden will - aber darum kümmere ich mich später 🤭
Habt es fein
Herzlichst Eure
Steffi